Loslassen lernen, wo man festhalten will

„Mom, Dad – mich loszulassen, damit ich mich entfalten konnte, war das schönste Geschenk, was ihr mir je gemacht habt.“

Ich war 16, als ich mein erstes „offizielles“ Bewerbungsgespräch führte – in München – weit weit weg von Zuhause. Nach zwei Wochen erhielt ich die Zusage für den Job, der drei Wochen später begann.

Stress? Verspürte ich nicht. Angst? Was war das? Meine Eltern? Ich hatte mich wissentlich beworben, aber eben nicht gleich mit dem Gedanken befasst, was passieren würde, wenn es klappt und im Zuge dessen keinem was davon erzählt. Also hieß es: erstmal daheim beichten!

Warum fällt uns loslassen so schwer?

Auch wenn meine Eltern meine Leidenschaft für diesen Beruf früh erkannten und ihr eigentlich nie im Wege standen, erwartete ich ein Kopfschütteln, ein Nein, ein „bist du verrückt?“ Doch all meine Befürchtungen traten nicht ein – sie lächelten mich an und ließen mich wissen, dass sie stolz seien, dass ich meinen Traum verfolgen würde. Wahrscheinlich, weil sie sich selbst noch nicht mit dem Gedanken befassten, was es im Umkehrschluss wirklich bedeuten könnte. Dass ich so früh ausziehen würde, ein Gedanke, den keiner im Ansatz hatte. Wie schwer es für sie gewesen sein muss mich loszulassen, kann ich mir bis heute kaum ausmalen.

Mit zum Gespräch brachte ich bereits abgemachte Termine mit Wohnungsanbietern in München mit. Ich machte direkt mit meinem Dad ab, wann wir losdüsen würden, um die Wohnungen zu besichtigen.

Woher ich wusste, was zu tun war? Ich weiß es, um ehrlich zu sein, bis heute nicht – plötzlich war alles glasklar, logisch und ich legte einfach los. Versicherung, Wohnung, Einwohnermeldeamt, Lastwagen, Kartons packen …  zack … drei Wochen später schloss sich die Tür, als sich meine Eltern von mir verabschiedeten.

Nun saß ich da – in meiner ersten eigenen Wohnung. Eigene Küche, eigenes Bad – mein neues Heim. Am darauffolgenden Tag begann ich meinen ersten richtigen Job – kein Praktikum, sondern einen Job, meinen Traumjob.

Ich habe binnen vier Wochen losgelassen: meine Eltern, meine Freunde, mein Kinderzimmer, meinen Alltag, meine Heimatstadt. Ganz ohne die Konsequenzen dabei zu überdenken, den Ängsten Raum zu bieten, ganz ohne Tränen, die Schmerz enthalten könnten – dafür aber mit Freuden-Tränen, einem verdammt guten Bauchgefühl und so viel Energie, wie noch nie zuvor.

Das war exakt vor zehn Jahren – mittlerweile bin ich noch drei weitere Male umgezogen – sogar ans andere Ende Deutschlands. Ich habe immer noch Kontakt zu Freunden aus meiner Heimatstadt, meine Mum ist mittlerweile in die Nähe gezogen und ich möchte keinen Tag aus meinem bisherigen Leben missen.

Was ich damit sagen will, loslassen lohnt sich – auch wenn man festhalten will. Bei mir war damals eigentlich alles gut. Ich war glücklich in meiner Heimatstadt, hatte keine Grund zu gehen – aber da war eben das „auch wenn man festhalten will“… denn manchmal wartet da einfach noch ein bisschen mehr vom Leben, was prickeln unter der Haut auslöst, was dich fordert und dir Dinge zeigt, die du sonst wohl nie zu sehen bekommen würdest.

Wann ist loslassen sinnvoll?

Doch so einfach, wie dieses Beispiel ist es nicht immer. Loslassen kann auch Tränen voller Enttäuschung und Wut frei lassen, oder verdammt schwer sein. Einfach, weil es sich ganz und gar nicht gut anfühlt. Einem das Bauchgefühl etwas Gegenteiliges sagt, Konsequenzen, Zweifel per Repeat-Taste abspielt und die Hürde, es zu tun, unüberwindbar scheint. Und dann?

Ja, was dann? Einfach es nicht zu tun, sollte nicht gleich die Option sein. Denn Loslassen findet man nicht im Lexikon bei E, wie einfach.

Loslassen kann, egal wie groß oder klein der Schritt sein mag, lebensverändert sein. Denn etwas, was da war, ist dann natürlich erstmal weg. Wenn es schlecht war, so werden einige jetzt direkt sagen, müsste Erleichterung aufkommen und man könne froh darüber sein. Diese folgt, aber eben erst mit der Zeit. Wenn etwas hingegen gut war, tritt die nächste Stufe ein: Vermissung, Verzweiflung, Vergleichung.

Loslassen lernen – wie geht das?

Ein Elixier, Wundermittel gibt es nicht – auch wenn es tausend Ratgeber um das Thema „loslassen lernen“ gibt. Es sind Arten der Resilienz oder inneren Stärke, die dabei trainiert werden. Eine Sache, die aber meiner Meinung nach hilft, ist ganz simpel: ausprobieren!

Es gibt Entscheidungen, die sind in Stein gemeißelt, keine Frage. Doch ich würde behaupten, 80% unserer Entscheidungen, können aktiv erneut getroffen werden.

Und loszulassen, ist eine bewusste Entscheidung. Wenn man diese Erkenntnis im Hinterkopf hat, dürfte die Angst ein wenig schwinden, vielleicht gar verblassen.

Denn wenn das Loslassen zu schwer wird, die Zeit einem zeigt, dass das Festhalten doch der Weg sein sollte, hat man jederzeit die Möglichkeit, eine weitere Entscheidung zu treffen.

No Comments Yet

Leave a Reply

Your email address will not be published.